Elektrifizierung

Mit einem Vertrag zwischen den Ortschaften Jägersdorf und Wölfing sowie den Amperwerken begann die Stromversorgung in Jägersdorf.

Für den Vertrag wurde ein Vordruck verwendet, in dem primär der Ortsname ergänzt wurde. Das lässt darauf schließen, dass die Elektroversorgung der ländlichen Ortschaften überall ähnlich verlief.

Damit die Versorgung mit Strom der ländlichen Gemeinden zügig voranging, beteiligten sich die Ortschaften direkt am Aufbau und übereigneten dann an den Elektroversorger. Die Jägersdorfer errichteten z. B. das Transformatorhaus, das nach Fertigstellung an die Amperwerke ging. Zur Absicherung der Bauqualität wurde eine Gewährleistung vereinbart.

Nachfolgend der damals abgeschlossene Vertrag.

Vertrag

Vertrag zwischen den Ortsgemeinden Jägersdorf und Wölfing  und der Amperwerke Elektricitäts-Aktiengesellschaft München.

Beginn am 16. Oktober 1924

Ablauf am 27. Oktober 1949

§ 1. Verpflichtung zur Stromlieferung.

Die Amperwerke verpflichten sich zum Anschluss der Ortsgemeinde Jägersdorf und Wölfing im Umfange beiliegender, der Baukostenberechnung zu Grunde gelegten Stromverbraucherliste und zur Stromlieferung in diesen auf Grund nachfolgender Bedingungen:

§ 2.  Benützung von Gemeindeeigentum zur Errichtung und Betrieb von Leitungsanlagen.

Die Ortsgemeinden verpflichten sich die schriftliche Genehmigung der Landgemeinde Dürnhaindlfing zur Benützung gemeindlichen Eigentums zum Zwecke der Errichtung und des Betriebes von elektrischen Leitungsanlagen durch die Amperwerke beizubringen.

§ 3.  StromzuIeitungs- und Verteilungsanlagen.

Zur Versorgung der Ortschaften mit elektrischer Arbeit erbauen und unterhalten die Amperwerke eine Hochspannungsleitung nach Billingsdorf, ferne eine gemeinsame Transformatorstation mit einem Transformator der landwirtschaftlichen Type von 25/50 KVA und ein Niederspannungsverteilungsnetz für eine Gebrauchsspannung von 380 Volt für Kraft und 220 Volt für Licht.

Von den zur Erstellung obiger Anlagen erforderlichen Baukostenübernehmen die Amperwerke einen Betrag in der vierfachen Höhe der bei Inbetriebsetzung der Niederspannungsverteilungsleitungen sich ergebenden jährlichen Stromabnahmegarantien, jedoch nicht mehr als 75 % der gesamten Baukosten. Der Rest ist von den Ortsgemeinden den Amperwerken als verlorener Bauaufwand zu bezahlen.

Zur Berechnung der jährlichen Stromabnahmegarantien werden zu Grunde gelegt:

für 1 Lampe nach Zählertarif pro Lampe und Jahr G M 3.—

für 1 Lampe nach Grundgebührentarif pro Lampe und Jahr G M 7.—

für 1 PS nach Zählertarif pro Jahr G M 50.—

für 1 PS nach Grundgebührentarif pro Jahr G M 20.—

Das gesamte Baukapital haben die Ortsgemeinden aufzubringen. Der von den Amperwerken zu übernehmende Teil desselben wird den Amperwerken von den Ortsgemeinden bezw. deren Angehörigen auf die Dauer von 25 Jahren als Darlehen zur Verfügung gestellt. Die Amperwerke verpflichten sich, dieses Darlehen jährlich mit 4 % zu verzinsen und mit 2,4 % zu tilgen. Die Amperwerke sind jedoch berechtigt, ihre Bauschuld jederzeit ganz oder teilweise zu tilgen.

Die Ortsgemeinden erbauen ferner auf ihre Kosten ein Transformatorhäuschen nach den Plänen und Angaben der Amperwerke und übertragen ihnen kostenlos das Eigentum  an demselben einschliesslich eines Baugrundes von 1 Dezimale. Die Kosten der notariellen Beurkundung der Eigentumsübertragung und deren Eintragung ins Grundbuch übernehmen die Amperwerke. Die Ortsgemeinden haften auf die Dauer von zwei Jahren vom Tage der Inbetriebsetzung der Stromverteilungsanlagen an für eine einwandfreie Ausführung des Transformatorhauses und verpflichten sich, alle innerhalb dieser Zeit erforder1ichen Ausbesserungen auf ihre Kosten vorzunehmen. Die gesamten Stromzuleitungs- und Verteilungsanlagen sowie deren Erweiterungen sind Eigentum der Amperwerke und werden von diesen auf ihre Kosten unterhalten.

Für die Erstellung von späteren Anschlussleitungen an die vorhandenen Stromverteilungsanlagen, die in beiliegender Stromverbraucherliste noch nicht enthalten sind, gelten die Bestimmungen der allgemeinen Stromlieferungsbedingungen H, in der jeweils giltigen Fassung.

§ 4.  Allgemeine Anschlussbedingungen.

Die Ortsgemeinden verpflichten sich auf ihre Kosten die Genehmigung zur Aufstellung von Leitungsträgern jeglicher Art auf öffentlichen und privaten Grundstücken, sowie zur Ueberspannung derselben mit Leitungsdrähten auf die Dauer der Leitungsführung zu erwirken, wobei die Amperwerke auf Wunsch nach besten Kräften unterstützen. Von den für die Erteilung der Genehmigung zu zahlenden Gebühren übernehmen die Amperwerke für jeden Mast oder Ständer einen einmaligen Betrag von 1 Goldmark. Ferner verpflichten sich die Ortsgemeinden auch für aller Kosten aufzukommen, die in Zusammenhang mit der Errichtung von Leitungsständern auf Dächern allenfalls entstehen.

Einmalige und wiederkehrende Gebühren für die Gestattung der Benützung von öffentlichem Eigentum haben die Ortsgemeinden den Amperwerken zu ersetzen. Desgleichen haben die Ortsgemeinden für die Kosten der Umbauten von Leitungsanlagen (Ueberkreuzungen usw.) aufzukommen, die infolge der Einführung des elektrischen Betriebes auf den Bahnen, ferner infolge Neuerrichtung oder Abänderungen von staatlichen Telegrafen- und Fernsprechanlagen oder zufolge neuer Auflagen seitens der Strassen- und Flussbauämter oder der Bezirksgemeinden erforderlich sind.

§ 5.  Anschlussvorbehalte.

Die Amperwerke verpflichten sich, Bestellern von nachträglichen Anschlüssen an die Stromleitungs- und Verteilungsanlagen nicht eher Strom zu liefern bezw. die Stromlieferung an dieselben wieder einzustellen, bis sie nachfolgende Bedingungen erfüllt haben:

a) Die Neuanzuschliessenden haben an die Gemeinden bezw. an diejenigen Ortsangehörigen oder Installationsfirmen, die die Baukosten aufgebracht haben, den gleichen Kostenanteil zuzüglich eines weiteren Zuschlages von / % zu bezahlen, den sie hätten leisten müssen, wenn
sie sich sofort angeschlossen hätten. Die Festsetzung dieser Kosten erfolgt durch die Ortsgemeinden nach einem von ihr im Bedarfsfalle unter Zuziehung einer unparteiischen elektrotechnischen Beratungsstelle festzustellenden Schlüssel.

b) Nachinstallationen von Kraftstromverbrauchern in sämtlichen Anlagen dürfen nur dann angeschlossen werden, wenn auch für diese die anteiligen Baukosten an die Ortsgemeinden bezahlt sind.

Die Ortsgemeinden haben für die Betreibung der fälligen Anschlusskosten selbst Sorge zu tragen und verpflichten sich, die Amperwerke von der erfolgten Einzahlung unverzüglich zu verständigen, widrigenfalls die Stromlieferung sonst ohne Weiteres erfolgt.
Vorstehende Bestimmungen haben auch für die Anschlussnehmer sinngemässe Anwendung zu finden, die bei erstmaliger Inbetriebsetzung der Stromverteilungsanlagen ihre Baukostenzuschüsse noch nicht bezahlt haben.

§ 6.  Strompreise.

Die Stromlieferung erfolgt unmittelbar an die Abnehmer nach den beiliegenden Stromlieferbedingungen H der Amperwerke.

Die in den Stromlieferungsbedingungen festgesetzten Preise und Gebühren sind Grundpreise, berechnet zum Goldmarktkurs (1 Goldmark — 10/42 nordamerikanischer Dollar) die nicht unterschritten werden dürfen. Die Amperwerke sind berechtigt zu diesen Preisen die in ihrem Stromversorgungsgebiet allgemein verbind1ichen Teuerungszuschläge zu erheben, die jeweils zum Ausgleich der im Verhältnis zum Vorkriegsstand erhöhten Stromerzeugungs- und Verteilungskosten erforderlich sind. Im besonderen sind die Amperwerke zu einer angemessenen Erhöhung der Strompreise berechtigt, insoweit sich die Stromerzeugungskosten durch Strombezug aus einem erst neu zu erbauenden Kraftwerke oder aus einem Werke des Staates, des Reiches oder eines gemischt- wirtschaftlichen Unternehmens erhöhen oder insoweit die Erzeugung oder Vertei1ung der elektrischen Arbeit mittelbar oder unmittelbar durch Reichs- Landes- oder Ortsgesetz mit einer Steuer belastet werden sollte. In gleicher Weise sind sie aber auch zu einer Ermäßigung der Teuerungszuschläge verpflichtet, wenn eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse und mit derselben eine Ermässigung der Stromerzeugungskosten eintritt.

§ 7.  Vertragsdauer.

Der Vertrag hat Giltigkeit vom Tage es Abschlusses und endigt nach Ablauf von 25 Jahren vom Tage der ersten Stromlieferung an gerechnet.
Derselbe verlängert sich stets um weitere fünf Jahre, wenn er nicht ein Jahr vor seinem Ablauf von einer Seite mittels eingeschriebenen Briefes gekündigt wird.

§ 8.  Streitigkeiten.

Sollten mit Bezug auf diesen Vertrag und die hierdurch begründeten Rechtsverhältnisse Streitigkeiten irgendwelcher Art zwischen den Vertragsschliessenden entstehen, so soll darüber mit Ausschluss des Rechtsweges ein Schiedsgericht entscheiden, das nach den Bestimmungen der Zivilprozessordnung zusammenzusetzen ist und zu verfahren hat.

Zu diesem Zweck ernennt jede Partei innerhalb von 14 Tagen einen Schiedsrichter. Der jeweilige Vorstand der Oberbayerischen Handelskammer in München bestimmt erforderlichen Falles den Obmann, wenn sich die Schiedsrichter über dessen Person nicht einigen können. Bei Verzögerung der Ernennung oder Wahl der Schiedsrichter oder mangels eines Schiedsspruches innerhalb einer Frist von drei Monaten nach erfolgter Wahl des Obmannes steht beiden Teilen das Recht zu, das Schiedsverfahren aufzuheben und die Streitfrage vor die ordentlichen Gerichte zu bringen.
Streitigkeiten über Tariffragen werden jedoch ausschliesslich durch ein Schiedsgericht entschieden, das nach den Verordnungen des Reichskommissars für die Kohlenverteilung vom 1. Februar 1919 über die schiedsgerichtliche Erhöhung von Preisen bei Lieferung von elektrischer Arbeit, Gas, uns Leitungswasser nebst den später erlassenen oder noch zu erlassenden Ergänzungs- oder Abänderungsbestimmungen auch nach deren Aufhebung zu berufen ist und zu entscheiden hat. Das Schiedsgericht kann seinen Entscheidungen auch rückwirkende Kraft bis zum Tage der Benennung des ersten Schiedsrichters verleihen.

Sollte der Präsident des Oberlandesgerichts München sich weigern, die ihm nach der Verordnung zugewiesenen Funktionen auszuüben, so tritt an dessen Stelle das Bayerische Staatsministerium des Innern.

§ 9.  Vertragsbeilagen.

Soweit dieser Vertrag nichts anderes bestimmt, haben die allgemeinen Stromlieferungsbedingungen H der Amperwerke in der jeweils gültigen Fassung Anwendung zu finden. Ein Exemplar der zur Zeit giltigen Bedingungen liegt diesem Vertrag als wesentlicher Bestandteil bei.
Der Vertag mit der Landgemeinde Dürnhaindlfing über Benützung gemeindlichen Eigentums zur Leitungsführung durch die Amperwerke sowie die der Baukostenberechnung zu Grunde gelegte Stromverbraucherliste bilden ebenfalls einen wesentlichen Bestandteil diese Vertrages.

München, den 27.11.1924 (Unterschrift Amperwerke)

Jägersdorf, den 16.10.1924 Wölfing, den 16.10.24  (Drei Unterschriften bei Jägersdorf (soweit lesbar: Schweiger Josef, Sebald Wendelin, Ziegltrum Johann), zwei bei Wölfing

Lichtfeier

Die Elektrifizierung in Jägersdorf ging scheinbar sehr schnell über die Bühne und ohne dass das Vertragswerk endgültig unterzeichnet war.

Konrad Widmann berichtete von der Lichtfeier am 23.10.1924 beim Wirt in Jägersdorf, die darauf schließen lässt, dass die Häuser zu diesem Zeitpunkt bereits über einen elektrischem Anschluss verfügten. Er kann sich deshalb aus der Überlieferung an das Datum erinnern, da an diesem Tag seine Schwester Cäcilie geboren wurde. Sein Vater Stephan war damals zur Lichtfeier gegangen, wie wahrscheinlich jeder Bauer des Ortes, als bei dessen Frau Notburga die Wehen einsetzten. Sie machte sich auf zum Wirt, um ihren Mann Bescheid zu geben. Vor dem Wirtshaus traf sie dann die Wimmerin, die den Stephan informierte. Dieser machte sich sofort auf den Weg zur Hebamme nach Wolfersdorf, um sie zu holen, und noch am gleichen Tag kam dann die Cäcilie zur Welt.